Der Tausendsassa
Aykut Kayacık kam durch ein Missverständnis zur Schauspielerei. Er wollte Architekt werden, ging aus Neugier in einen Theaterworkshop und hatte am Ende ein Engagement an der Schauburg München. Das Studium hat er nie beendet. Gebaut hat er trotzdem weiter, nur eben Sätze, Figuren und gelegentlich ganze Firmen.
Zurück in Berlin gründete er seine eigene Theatergruppe und nannte sie „Tausend und eine Ausnahme“. Er nahm Unterricht in Schauspiel, Sprecherziehung und Gesang, drehte 1996 seinen ersten Kurzfilm mit Joachim Król, der auf über fünfzig Festivals lief, und legte sieben weitere nach. 1997 stand er bei Thomas Ostermeier in der Baracke des Deutschen Theaters auf der Bühne. Entdeckt hatte ihn niemand. Er hatte sich selbst vorbeigebracht.
Was danach kam, nennt man in Deutschland eine Filmografie und anderswo ein Lebenswerk. Hausmeister, Ärzte, Bürgermeister, Kommissare. In „Almanya“ der erwachsene Veli, im „Medicus“ ein Hofbeamter des Schahs, in Doris Dörries erster Fernsehserie eine der Hauptrollen. Dazu ein eigenes Fach, das man das anatolische nennen könnte: eine Tote in einer Zisterne in Istanbul, ein Schatz von Troja, ein Tod in Istanbul. Drei Jahrzehnte lang haben ihn deutsche Redaktionen zuverlässig östlich des Bosporus verortet, während er in Charlottenburg wohnte und Berlinerisch sprach. Er hat es mitgenommen. Ebenso McDonald’s und Vodafone, denn ein Tausendsassa ist nicht, wer nur die schönen Aufträge annimmt.
Dazwischen Dinge, die in keiner Schauspielervita stehen. Eine eigene Produktionsfirma. Die Türkeirechte von „Caveman“, bei denen er gleich selbst Regie führte. Und ein Firmenevent für dreizehnhundert Mitarbeiter von Mr. Wash in der Lichtburg Essen, an Deutschlands größter Leinwand, mit eigenen Filmen und Eko Fresh live. Eine Waschstraßenbelegschaft, ein Rapper aus Mönchengladbach und ein Mann, der ursprünglich Statik studieren wollte. Es funktionierte.
2008 die Goldene Boll als Bester Schauspieler. Achtzehn Jahre später der Nachwuchspreis des Deutschen FernsehKrimi-Festivals für das Serienkonzept „Wölfe“, das jetzt mit der Frankfurter U5 entsteht. Nachwuchs, mit 63. Manchmal erkennt der Betrieb Jugend dort, wo andere nur Berufserfahrung sehen.
Heute schreibt er mehr, als er spielt, und spielt trotzdem noch reichlich. „Wer schießt auf Frau Hummel?“, mit Saskia Vester geschrieben und mit ihr gespielt, lief bis März 2026 an der Komödie im Bayerischen Hof. „Schön war’s“ ging zum Kleist-Förderpreis, „Tanzstunde mit Tiger“ liegt bei den Theatern, „Neulich beim Griechen“ ist fertig, und die Revue „Im Rausch des Rosenöls“ war pünktlich zum Lockdown fertig, was man entweder Pech nennt oder das beste Timing seiner Laufbahn.
Geboren wurde er übrigens in Akhisar, einer türkischen Kleinstadt, berühmt für ihre Köfte. Unter den Söhnen und Töchtern der Stadt steht er auf Platz zwei, hinter der Arabesk-Sängerin Kibariye und vor einem Fußballschiedsrichter. Man sollte es nicht ausschließen, dass die beiden eines Tages einen Sommerhit landen. In derselben Stadt steht auch das Haus, das dort als Geburtshaus von Aristoteles Onassis gilt. Er hat davor gestanden. Die Onassis-Stiftung wollte es später kaufen, die Eigentümerin schlug drei Millionen Euro aus.
Und dann ist da noch der Roman: „Kevin erbt ein Kamel“. Natürlich.